Was ist Musik?

Die Frage, was Musik sei, ist in der Musikgeschichte ganz unterschiedlich angegangen worden. In starker Abstraktion lassen sich zwei Zugangsweisen ausmachen.

1. Es lässt sich annehmen, dass wir im Bereich der auditiven Daten recht gut zwischen Lärm und Geräusch und dem, was Menschen an Klangorganisationen hervorbringen, unterscheiden. Man kann dabei die musikgeschichtlich relevante Menge einschlägiger Produktionen nach bestimmten Kriterien angehen, um Unterschiede festzustellen. Entsprechende Untersuchungen ergeben dann Merkmale bzw. Merkmalsklassen bezüglich Madrigale des 16. Jahrhunderts, Organa des 12. Jh. oder Instrumentalmusik im 17. Jh. Das Ausarbeiten solcher Kriterien ist bislang eine der hauptsächlichen Arbeitsgebiete der Musikgeschichtsschreibung. Entsprechende Materialien finden sich in allen gängigen Lexika und Enzyklopädien.

2. In der Musikgeschichte fungiert der Begriff "Musik" etwa von Aristoteles bis Leibniz, also bis um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert als Name einer Reflexionsform. Das heisst: das Gesamt der auditiven Daten gilt als reflexionsbedürftig. Man unterteilt nun nach ganz unterschiedlichen Kriterien und versteht unter jedem Namen – Hymnus, Cantus, Modulamen oder eben auch musica – einen bestimmten Aspekt, der zu erörtern ist. Für Historiker zunächst vor allem interessant ist die Existenz von Reflexionsformen (Reckow: Anschauungs- und Denkformen). Denn sie geben nicht zunächst Auskunft darüber, welcher Art das Gehörte sei, sondern wie man Klangorganisationen überhaupt sprachlich angeht. Mit unserer Sprache geben wir ja Klangorganisationen nicht wieder, sondern wir wählen gemäss unseren expliziten oder impliziten Kriterien aus. Von einer Reflexionsform zu reden heisst demnach, dass es Zeiten gab, in denen die explizite Formulierung von Kriterien üblich war. Die Transformation einer solchen, die Reflexion betonenden Zugangsweise zur Verwendung von "Musik" als Sachbegriff ist in historischer Perspektive noch sehr weitgehend ungeklärt.

 

3. In einer manchmal sehr lose, manchmal recht eng mit einer aristotelischen Tradition verknüpften Weise wird "Musik" aufgefasst als Reflexionsweise, die sich um die Beziehung zwischen zwei Begriffen kümmert, nämlich um "Ton" (sonus) einerseits, "Zahl" (numerus) andererseits. In dieser Auslegetradition vertritt "Ton" ein physikalisches, "Zahl" dagegen ein mathematisches Objekt. Sehr allgemein gesagt vertritt der Bereich der Physik den Bereich, der unserer Sinneswahrnehmung zugänglich ist. Was wir sehen, hören, tasten, riechen und schmecken sind physikalische Dinge. Ihnen ist es eigen, dass sie irgendwann entstehen und irgendwann vergehen. Der Oberbegriff für diesen Übergang ist die "Bewegung" (kínesis, motus); statt von "Bewegung" zu sprechen gebraucht man auch den Begriff "Prozess". Der Physik gegenüber steht die Mathematik. Mathematische Objekte haben die interessante Eigenschaft, dass sie nicht veränderbar sind und darum dem Entstehen und Vergehen, also dem Prinzip der Bewegung nicht unterstehen. Im Ausdruck "drei Äpfel" ist ein mathematischer Term ("drei") mit einem physikalischen ("Äpfel") kombiniert. Natürlich wird es auch dann, wenn die Äpfel nicht mehr existent sind, die Zahl "drei" immer noch geben. Die Geschichte der Reflexionsform ist demnach die Geschichte der Kombination eines mathematischen mit einem physikalischen Begriff.