Horizontale Indizien

Wenn in der Musiklehre Zahl (numerus) und Ton (sonus) als Grundelemente eingeführt werden, ist das damit zusammenhängende Wissen hierarchisch übergeordnet (→ vertikale Indizien). Als horizontale Indizien verstehe ich Hinweise auf einen Kontext, der sich durch Lerneinheiten des gleichen Curriculums einstellt. Nach einer im Fach weit verbreiteten Ansicht, die durch mehrere Studien eine gewisse Plausibilität erhalten hat, besteht die kontextuelle Grundlage im Bezug von Grammatik zu Musik. Der Zusammenhang besteht in folgendem Konstrukt: wenn wir reden, produzieren wir Lautkontinuen. Erst durch grammatikalische Einsicht gelangen wir zu einer Segmentierung des Kontinuums. Wir sagen dann, dass ein Satz aus Wörtern besteht, wobei ein Wort seinerseits sich aus Silben zusammensetzt. Wird eine solche Erkenntnis durch das Schreiben gestützt, dann wird die Silbe weiter aufgedröselt in kleinste Einheiten, in Laute, denen Buchstaben entsprechen. Diese Segmentierung wird im Kommentar des Calcidius zum Timaios vorgeführt und in der Musica enchiriadis übernommen, in einem Lehrtext also, der über Jahrhunderte den Elementarunterricht geprägt hat.Anm.1

Es fragt sich, woraus der horizontale Wissenserwerb genau besteht. Das nachstehende Schema zeigt antike Ansätze (Musiktheorie, Grammatik, Kategorienlehre), die in ihren mittelalterlichen Rezeptions- und Transformationsphasen sehr wichtig werden. Die Frage lautet demnach: was genau von diesen unterschiedlichen theoretischen Ansätzen wird aufgrund der Enchiriadis-Lehre verstanden? Was genau ist ihr Potential?

 

 

 

Anm. 1: Die beste Einführung ins Thema bietet Klaus-Jürgen Sachs, „Musikalische Elementarlehre im Mittelalter“, in: Frieder Zaminer (Hg.), Rezeption des antiken Fachs im Mittelalter, Darmstadt 1990, 105-161 (Geschichte der Musiktheorie 3). Weiterführende Hinweise finden sich bei Mathias Bielitz, Musik und Grammatik. Studien zur mittelalterlichen Musiktheorie, München/Salzburg 1977 (Beiträge zur Musikforschung 4).