Murdoch: languages

Der amerikanische Wissenschaftshistoriker John E.Murdoch hat sich ganz besonders mit der Idee einer Einheitswissenschaft im Mittelalter beschäftigt (unification of medieval learning). Es geht dabei um eine in der Literatur immer wieder vorgetragene Hypothese, deren Kernpunkt sich etwa so zusammenfassen lässt: nach Ausweis der Curricula lernen Schüler/Studierende im Mittelalter unglaubliche Textmengen. Die Masse der Stoffe lässt vermuten, dass niocht ein Mehrfaches dessen gelernt wird, was wir uns heute als Spezialisten erarbeiten. Vielmehr liegt die Annahme nahe, dass fächer- und themenübergreifende Strategien es erlauben, den unendlichen Stoff mit einer bestimmten Zahl von Methoden anzugehen. Murdoch spricht von languages. Seine ausführlichste Darlegung legte er 1975 in einem Sammelband mit demTitel The Cultural Context of Medieval Learning vor. Sein Idealziel war es, pro language ein spezifisches Vokabular und ein spezifisches Set von Algorithmen herauszuarbeiten.

Für die Analyse des musikbezogenen Schrifttums wesentlich ist zunächst die language, die sich mit Suppoisitionen beschäftigt, also mit der Beziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem. Den Vokabeln nach geht es um die Differenzierung zwischen repraesentare (repraesentatio), appellare (appellatio) und significare (significatio). In welcher Weise es sich in Bezug auf dieses spezifische Coprus von einer solchen language reden lässt, ist unklar.

Klarer ist der Fall bezüglich zweier anderer languages. Murdoch spricht von einer language of proportion und einer language of intension and remission. In üblicher wissenschaftshistorischer Sprechweise würde man im ersten Fall von extensiven, im zweiten von intensiven Grössen reden. Im ersten Fall geht es um Folgen von diskreten Einheiten, im zweiten um Kontinuen. Man lernt extensive Grössen, wenn man Objekte (Steine, Bäume) abzählt. Und irgendwann versteht man, dass beim Wasser, das sich erwärmt, etwas zunimmt und dann wieder abnimmt, und dass solches Zu- und Abnehmen anders funktioniert als die Zu- oder Abnahme beim Abzählen.

Für alle Fragen der Tonhöhen- und Tonverlaufsorganisation ist eine Facette dieser beiden languages sehr wesentlich. In der Literatur wird oft der Eindruck erweckt, dass Tonhöhen und rhythmische Werte durch rationale Zahlen, also durch Brüche dargestellt bzw. errechnet werden. Das ist so nicht richtig. Man kennt zwar im Mittelalter reelle Zahlen nicht; doch lassen sich Kontinuen in anderer Weise darstellen. Ausgangspunkt ist der Versuch, den Aristoteles unternimmt, um seine Kategorienlehre unter übergeordneten Gesichtspunkten diskutieren zu können. Er behandelt dabei den Gesichtspunkt von "gemäss einem Mehr oder Weniger" (secundum magis et minus). Damit ist eine sprachliche Problematik angesprochen. Es wäre sinnwidrig zu sagen, dass es eine "Drei" gibt, die etwas mehr oder weniger eine Drei ist. 2.9 ist keine "kleinere", 3.4 keine "grössere" Drei. "Mehr oder weniger" ist hier nicht anwendbar, es handelt sich um eine extensive Grösse oder eben um eine language of proportion. Spricht man aber von der Farbe "weiss", dann ist es nicht sinnwidrig zu behaupten, dass dieses Weiss dann, wenn man "rot" hinzuschüttet, immer "röter" wird: es gibt "immer mehr" rot und "immer weniger" weiss. Hier geht es demnach um eine intensive Grösse oder um eine language of intension and remission. In genau diesem Sinne lassen sich rhythmische Werte genauso wie Tonhöhen entweder als diskrete Quantitäten verstehen, die dem Prinzip von secundum magis et minus nicht unterliegen, oder aber als Qualitäten, die etwas kürzer (tiefer) oder länger (höher) sein können.

Der Sachverhalt ist wesentlich, weil er im Falle verschiedener Diskussionen – die Mensuralisten zum Choralrhythmus! – zeigt, dass beide Standpunkte möglich sind.

 

Philologisches: Ich behandle die Frage in Musikalisches Denken pp. 442-445. Dort fehlt ein Hinweis. In den Texten findet sich statt secundum magius et minus oft auch secundum maius et minus. Eine Erklärung bietet Peter Stotz, Lautlehre, München 1996, § 173 (Handbuch zur lateinischen Sprache des Mittelalters III).