Indizien zum vertikalen Kontext

etwas Philologie

Vielen wissenschaftlichen Texten ist eine Einleitung vorangestellt, die aus einem ausgefüllten Formular besteht. Das Formular – bekannt unter dem Namen accessus – besteht aus einem Frageschema.Anm.1Damit wird der Gegenstandsbereich des Faches im Rahmen der gesamten Wissenschaften definiert. Die Fragen betreffen zum Beispiel genusofficiummateriainstrumentum und partes, reagieren also auf die Frage, in welche übergeordnete Einheit, in welche Gattung (genus) das Fach gehört, was seine Aufgabe (officium) ist, was der Gegenstandsbereich (materia) ist, mit welchem Mittel (instrumentum) der Stoff des Faches produziert wird. Der accessus gehört zu den Materialien der antiken Rhetorik; im Mittelalter stützt man sich auf diese Tradition und darum auch auf die exegetische Arbeit des spätantiken Rhetors Marius Victorinus  (* um 290, †363). Dessen Rhetorik-Kommentar benutzt weit später Dominicus Gundissalin (* um 1110, † nach 1181), der daraus die Unterscheidung zwischen einem theoretischen und einem praktischen Teil einer Disziplin – eine aus der Wissenschaftsklassifikation von Farabi bekannte Sicht – mit Hilfe der Ausdrücke ars extrinsecus vs. ars intrinsecus formuliert (Material: Haas[1982:423/24]).

Für den vertikalen Kontext entscheidend ist die Frage nach genus, programmatisch erörtert bei Marius Victorinus und unzähligen anderen Autoren.Anm.2 Wenn man nun annimmt, dass das Gesamt an Wissen (philosophia) aus Teilen besteht, lässt sich die Frage nach dem genus umwandeln in die Frage, welchem Teil der philosophia ein bestimmtes Fach untersteht: cui parti philosophiae supponatur. In Kommentaren zu des Aristoteles Analytica posteriora I, 9 entwickelt sich dann die Idee einer regelrechten Hierarchie der Wissenschaften (ausführlich: Köpf [1974]).

was ist das Problem, das die Subalternationstheorie lösen soll?

Wenn wir von der Annahme ausgehen, dass die Konzentration auf eine Einzelwissenschaft den Mittelalterlichen fremd ist, dann besteht für sie die Gefahr einer Inflation in der Darstellung. Denn wie soll der Anteil aller anderen Wissenschaften am einzelnen Fach berücksichtigt werden? Man begegnet der drohenden Inflation folgendermassen: was sich an Problemen in der Behandlung des Gegenstandes stellt, behandelt der Autor (artifex) eines Textes. Was andere Disziplinen beisteuern, übernimmt er diskussionslos im Sinne von vorgegebenen Axiomen (siehe Pinborg [1972:77-88]). Daraus wird es verständlich, wenn Boethius Dacus (ein dänischer Grammatiker und Logiker, † vor 1284) strikt daran festhält, dass der artifex den Gegenstandsbereich seines Faches nicht überschreiten darf. Heinrich Roos (1968:113) notiert etwa:

„Artifex autem non habet considerare ea quae transcendunt suum subiectum," oder „Qui ecgreditur limites sue artis, peccat contra artem"; in den Modi significandi: „Non contingit scire rem nisi ex principiis propriis," oder: „Nullus artifex resolvit ultra sua principia propria"

was sind die Konsequenzen?

Geht man von der Annahme aus, dass es für die Mittelalterlichen wesentlich ist, das Verhältnis von Einzeldisziplin zum Gesamt des Wissens in den Griff zu bekommen, dann hat das für die Analyse von Texten eine erhebliche Bedeutung. Das sei am Einzelfall gezeigt, der besser verständlich wird, wenn man sich daran erinnert, dass "Musik" (musica) definiert wird als Beziehung zwischen "Ton" (sonusvox) und "Zahl" (numerus), also zwischen einem physikalischen und einem mathematischen Objekt (→ Was ist Musik? ). In der Notitia artis musicae von Johannes de Muris findet sich der Satz (ed. Michels 69.10/11)Anm.3:

Quoniam ergo vox tempore mensurata unionem duarum formarum, naturalis scilicet et
mathematicae, comprehendit, licet quod ratione alterius fractio non cessaret, tamen propter
aliam vocis divisionem necessarium est alicubi terminari. Nam sicut omnium natura
constantium positus est terminus et ratio magnitudinis et augmenti sic parvitatis et diminuti.Demonstrant enim naturales, quod natura ad maximum et minimum terminatur.

Gemeint ist: der Ton (vox) wird als Vereinigung zweier Formalaspekte gebildet., nämlich durch einen physikalischen (naturalis) und einen mathematischen. In mathematischer Betrachtungsweise gibt es keine Grenze (d.h. man kann eine Zahl unendlich oft teilen), während es in physikalischer Betrachtungsweise eine Grenze gibt ("Ton" = vox ist nicht unendlich teilbar und ist auch nicht unendlich gross, sondern hat eine obere und eine untere Grenze).Anm.4 Man kann jetzt die Ansicht vertreten, dass der Satz ausnahmsweise als Hinweis auf einen scholastischen Kontext aufzufassen ist. Oder man kann annehmen (ich neige dazu), dass der Satz ein Zeichen unter vielen anderen für diesen Kontext ist, da in einem musikbezogenen Text aus subalternationstheoretischen Gründen keine mathematischen und physikalischen Probleme zu diskutieren, sondern nur relevante Sätze anzuführen sind. In diesem Lichte wäre ein expliziter, in diesem Sinne eher seltener Hinweis wie der im Muris-Text wichtig, aber eben auch alle Stellen, in denen auf voxnumerusmotusalteratio etc., also auf Begriffe aus einem mathematischen und/oder physikalischen Kontext rekurriert wird, Hinweise auf den Kontext.

was ist jetzt das Problem?

Was ich zusammenstelle, sind Indizien, um musikbezogene Texte im Kontext zu lesen. Aufgrund der Texte selber lässt sich der Kontext nicht behaupten, da accessus-basierte Texte ebenso selten sind wie explizite Hinweise auf die Subalternation. Es wäre interessant, die Frage nach dem Kontext einmal miteinander diskutieren zu können. Beiträge mit einer erheblichen Breite an Vielfalt der Meinungen dazu haben viele KollegInnen geliefert. Ich möchte hier nennen (→ Bibliographie ): Fabrizio della Seta, André Goddu, Frank Hentschel, Eva Hirtler, Matthias Hochadel, Cecilia Panti, Alexander Rausch, Heinz Ristory, Signe Rotter-Broman, Dorit Tanay – man beachte auch die bibliographischen Angaben im LmL.

 

Anm. 1: Materialien zum accessus: Haas (1982), id. (2005:90-93). Eine der wichtigsten Untersuchungen ist nach wie vor R.W. Hunt (1948).

Anm. 2: Marius Victorinus: Explanatio in rhetoricam M. Tullii Ciceronis libri duo, hrsg. von Karl Halm, Rhetores latini minores, Leipzig 1863, 171.5-172.34.

Anm. 3: Die Stelle beschäftigte mich seit Haas (1974). Über die Diskussionen orientiert jetzt ausführlich Heinz Ristory, Denkmodelle zur französischen Mensuraltheorie des 14. Jahrhunderts I: Historische Darstellung, Ottawa 2004, 197-273 (The Institute of Mediaeval Music. Musicological Studies LXXXI/1).

 

Anm. 4: Das Argument wird gestützt auf eine aristotelische Sentenz: Omnium natura constantium positus est terminus et ratio magnitudinis et augmenti – Aristoteles, De anima II, 4 (416a16/17). Es handelt sich um einen Gemeinplatz, der darum auch in den Auctoritates Aristotelis (ed. Hamesse 181 Nr. 87), also in einem Florilegium, enthalten ist.