Ernst Cassirer: der Mensch als animal symbolicum

Über Notation wird heute von ganz verschiedenen Warten aus diskutiert. Soweit Notation als Vertreter eines bestimmten Typus von Symbolsystem aufgefasst wird, ist es angebracht, sich mit den grundlegenden Überlegungen von Ernst Cassirer (1874-1945) zu beschäftigen.

Cassirer hinterlässt als ein Hauptwerk seine dreibändige Philosophie der symbolischen Formen, die von 1923 bis 1929 erschien. Die Rezeption dieses Werkes verläuft unterschiedlich. Denn man mag sich heute wiederum mit dem Hauptwerk befassen, oder dann - wie hier der Fall - die andere Möglichkeit wählen, und der bei weitem fasslicheren Darstellung Cassirers folgen, die er unter dem Titel An Essay on Man im amerikanischen Exil für seine neue, mit den kontinentalen philosophischen Implikationen eher unvertraute Leserschaft niederschrieb. Darin findet sich ein kleines, im Original etwas mehr als drei Seiten umfassendes Kapitel mit dem Titel: „A clue to the nature of man: the symbol“ („Ein Schlüssel zum Wesen des Menschen: das Symbol“). Ich paraphrasiere hier einen Hauptgedanken dieses kurzen Textes (aus: Cassirer 2007). Daraus wird klar, welche Schlüsselposition der Symbolbegriff in der Lesart Cassirers hat.

Jakob Johann von Uexküll (1864-1944) hat eine Biologie geschaffen, der Cassirer die Idee entnimmt von einer Tierwelt, in der ein jeder Organismus gleichsam wie eine Monade existiert (23:47): „In der Welt einer Fliege, so Uexküll, finden wir nur ‚Fliegen-Dinge‘; in der Welt eines Seeigels nur ‚Seeigel-Dinge‘“ (23:47/48). Entgegen dieser Optik ergibt sich eine gewisse Einheitlichkeit der Tierwelt, wenn der Organismus vergleichend studiert wird: vergleichende Anatomie und Physiologie verweisen auf Übereinstimmungen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Tiere über ein Merknetz und über ein Wirknetz verfügen. Der Ausdruck „Merknetz“ zeigt die Gesamtheit des rezipierenden, des sensorisch orientierten Systems (oder Netzes) an, während der Begriff „Wirknetz“ auf die Wirkungen zielt, mit denen ein Tier auf seine Umgebung reagiert. Cassirer sagt es so: „Jeder Organismus, auch der niedrigste, ist nicht nur ... an seine Umgebung ‚angepasst‘, sondern in diese Umgebung ganz und gar ‚eingepasst‘. Entsprechend seiner anatomischen Struktur besitzt er ein bestimmtes ‚Merknetz‘ und ein bestimmtes ‚Wirknetz‘. Ohne das Zusammenspiel und das Gleichgewicht zwischen diesen beiden Systemen oder Netzen könnte der Organismus nicht überleben. Das Merknetz, durch das eine biologische Spezies äussere Reize aufnimmt, und das Wirknetz, durch das sie auf diese Reize reagiert, sind in allen Fällen eng miteinander verknüpft. Sie sind Glieder einer einzigen Kette, die Uexküll den ‚Funktionskreis‘ des Lebewesens nennt.“ (24:48).

Im Unterschied zu den allen Tierarten gemeinsamen Phänomenen eines Merk- und eines Wirknetzes „finden wir beim Menschen ein drittes Verbindungsglied, das wir als ‚Symbolnetz‘ oder Symbolsystem bezeichnen können“ (24:49). Damit ist dem Menschen nicht nur eine quantitative, sondern auch eine qualitative Erweiterung gegenüber der Tierwelt, „er lebt“ damit „sozusagen in einer neuen Dimension der Wirklichkeit“. Dadurch werden die der Tierwelt eigenen organischen Reaktionen durch „Antwort-Reaktionen“ erweitert, die einen eigentümlichen „langsamen, komplexen Denkprozess“ darstellen (a.a.O.). Damit ist gegeben, dass der Mensch „nicht mehr in einem bloss physikalischen, sondern in einem symbolischen Universum“ lebt; „Sprache, Mythos, Kunst und Religion sind Bestandteile dieses Universums.“ „Der Mensch kann der Wirklichkeit nicht mehr unmittelbar gegenübertreten; er kann sie nicht mehr als direktes Gegenüber betrachten. Die physische Realität scheint in dem Masse zurückzutreten, wie die Symboltätigkeit des Menschen an Raum gewinnt. Statt mit den Dingen hat es der Mensch nun gleichsam ständig mit sich selbst zu tun. So sehr hat er sich mit sprachlichen Formen, künstlerischen Bildern, mythischen Symbolen oder religiösen Riten umgeben, dass er nichts sehen oder erkennen kann, ohne dass sich dieses artifizielle Medium zwischen ihn und die Wirklichkeit schöbe. Dabei ist in der theoretischen Sphäre die Situation für ihn die gleiche wie in der praktischen. Auch hier lebt er nicht in einer Welt harter Tatsachen und verfolgt nicht unmittelbar seine Bedürfnisse oder Wünsche, sondern vielmehr inmitten imaginärer Emotionen, in Hoffnungen und Ängsten, in Täuschungen und Enttäuschungen, in seinen Phantasien und Träumen. ‚Nicht die Dinge verstören und beunruhigen den Menschen‘, sagt Epiktet,‚sondern seine Meinungen und Vorstellungen von den Dingen.‘“ [Handbuch der Moral (5)] (25:50).

Die Verfassung der symbolischen Welten insgesamt ist keine rein rationale. „Die großen Denker, die den Menschen als animal rationale beschrieben haben, waren keine Empiristen, und sie hatten auch nicht die Absicht, eine empirische Darstellung von der Natur des Menschen zu geben. In ihrer Definition brachten sie vielmehr einen fundamentalen moralischen Imperativ zum Ausdruck. Der Begriff der Vernunft ist höchst ungeeignet, die Formen der Kultur in ihrer Fülle und Mannigfaltigkeit zu erfassen. Alle diese Formen sind symbolische Formen. Deshalb sollten wir den Menschen nicht als animal rationale, sondern als animal symbolicum definieren.“ (25/26:51).

Damit verlässt Cassirer eine herkömmliche, an der Vernunft orientierte Darstellungs- und Betrachtungsweise. Er versteht sie als „pars pro toto – sie bietet uns einen Teil, der die Stelle des Ganzen vertritt. Denn neben der begrifflichen Sprache gibt es eine emotionale Sprache, neben der logischen oder wissenschaftlichen Sprache gibt es eine Sprache der poetischen Phantasie. Zuallererst drückt die Sprache nicht Gedanken oder Ideen aus, sondern Gefühle und Affekte. Und auch eine Religion ‚in den Grenzen der reinen Vernunft‘, wie sie Kant vorgestellt hat, ist bloss eine Abstraktion.“ (25:51).

Man mag sich fragen, was das moderierte Exzerpt des kurzen Aufsatzes für musikwissenschaftliche Belange abgeben kann. Zwei einschlägige Überlegungen seien hier nachgestellt.

Erstens könnte man die Funktion der Zitate, wohl entgegen der Absicht Cassirers, als therapeutisch bezeichnen. Wir lernen in einem Alter die Standardnotation, in dem es uns völlig unmöglich wäre, über deren Voraussetzungen nachzudenken und zu reden. Cassirer liefert das Instrumentarium, um genau das zu tun. Mit ihm könnte man sagen, dass jede Notation als Symbolsystem nicht die Wirklichkeit abbildet, sondern „Meinungen und Vorstellungen von den Dingen“, wie Epiktet es sagt. Notationen bilden demnach nicht „Musik“ ab, sondern geben Einblick in das, was für eine bestimmte Ethnie Klangorganisationen sind. Es geht demnach immer um eine doppelte Reflexion: über Notationen nachzusinnen heisst immer auch noch gerade, über Musik, allgemeiner gesagt: über Klangorganisationen nachzudenken.

Zweitens ist von Seiten der Philosophie vieles geleistet worden und wird derzeit vieles geleistet, was einem solchen Unternehmen förderlich ist. Cassirers Konzept der vielen Sprachen ist weiterentwickelt worden etwa durch Susanne Langer, die sich mit der Sprache der Gefühle auseinandersetztAnm. 1, während ein Nelson Goodman mit seinenLanguages of Art die spezifische symbolische Form der Kunst analysiert und dabei sich im Speziellen auch dem Notieren von Musik zuwendet.

 

Anm. 1: Eine gut lesbare Übersicht über Susanne Langers Schaffen vermittelt Rolf Lachmann (2000). Darin wird auch in die musik-philosophischen Konzeptionen eingeführt, mit denen sich Langer beschäftigte.