Nelson Goodman über Notation als Symbolsystem

Nelson Goodman (1906-1998), als Philosoph einer analytischen Richtung wie als Kunstexperte gleichermassen bekannt, hat mit seinem Buch Languages of Art (1976) ein sehr eindrückliches Werk vorgelegt. Goodman ist ein scharfsinniger Philosoph, der sich in formalen Belangen auskennt und entsprechend klar zu formulieren weiss. Seine Sprachen der Kunst machen aber oft einen ganz anderen Eindruck. Denn Goodman spricht formale Aspekte zwar an, kümmert sich aber intensiv um die Empirie. Man hat den Eindruck, dass er dabei weniger versucht, theoretische Postulate zu retten als deren Brüchigkeit immer wieder vorzuführen.

Goodman selber sieht sich Cassirer durchaus verpflichtet. Überaus deutlich zeigt er das zu Beginn seines Buches mit dem Titel Weisen der WelterzeugungAnm. 1:

Zahllose Welten, durch Gebrauch von Symbolen aus dem Nichts erzeugt so könnte ein Satiriker einige Hauptthemen im Werk Ernst Cassirers zusammenfassen. Diese Themen die Vielheit von Welten, die Scheinhaftigkeit des ‚Gegebenen‘, die schöpferische Kraft des Verstehens, die Verschiedenartigkeitund die schöpferische Kraft von Symbolen – sind wesentliche Bestandteile auch meines Denkens. Doch vergesse ich manchmal, wie beredt sie von Cassirer* vorgetragen wurden; zum Teil vergesse ich es vielleicht deshalb, weil seine Betonung des Mythos, sein Interesse an der vergleichenden Untersuchung von Kulturen und seine Rede vom menschlichen Geist irrtümlicherweise mit heutigen Neigungen zu einem mystischen Obskurantismus, einem antiintellektuellen Intuitionismus oder einem antiwissenschaftlichen Humanismus in Verbindung gebracht wird. In Wirklichkeit sind diese Einstellungen Cassirer ebenso fremd wie meiner eigenen skeptischen, analytischen und konstruktivistischen Orientierung. Es ist im folgenden weniger meine Absicht, bestimmte Thesen zu verteidigen, die Cassirer und ich teilen, als einen strengen Blick auf einige Fragen zu richten, die sie aufwerfen.

Was Cassirer und Goodman im Allgemeinen verbindet, ist hier kein Thema, da zum Thema „Notationen“ nur ein bestimmter Aspekt aus diesen Languages of Art im Vordergrund steht. Goodman analysiert Symbolsysteme –languages sind für ihn Symbolsysteme – im Hinblick auf ihre Konstitution in den Bereichen, die man herkömmlicherweise „Kunst“ nennt. Geradezu als Prototyp eines Notationssystems, also eines bestimmten Symbolsystems, versteht er Alphabetschriften. Mit grosser Akribie versucht er zu zeigen, in welcher Weise unsere Standardnotation ebenfalls ein solches Notationssystem ist.

Notationen verwenden Zeichen. Seit Charles Peirce ist es üblich, für den Zeichengebrauch zwischen type und tokenzu unterscheiden.Anm. 2 Peirce selber erläutert den Unterschied an einer Stelle so: man findet auf einer Seite einer englischen Zeitung sicher an die 20mal die Partikel „the“. Es ist nun ein Unterschied, ob man das einzelne Vorkommen von „the“ meint (token) oder den Typus der Dinge, die da vorkommen (type). Goodman sieht sich gezwungen, diese Anlage weiter zu differenziert, indem er neben Zeichen ganz allgemein (sign) von Charakter (character), Marke (mark) und Inskription (inscription) spricht. „Marken sind alle potentiellen Zeichenträger, vom amorphen Tintenklecks bis zum makellosen Druckbuchstaben. Eine Inskription ist eine Marke (visueller, akustischer oder sonstiger Natur) dagegen nur dann, wenn sie zu einem sogenannten Charakter, einer bestimmten Klasse, gehört.“3 Ein Element einer Alphabetschrift ist ein Charakter (ist eine Abstraktionsklasse) und jedes Vorkommen dieses Elements als Buchstabe ist eine Inskription.

Notationale Symbolsysteme

Goodman legt mehrere Kriterien fest, um innerhalb der möglichen symbolischen Figurationen ein notationales Symbolsystem zu kennzeichnen.4

Die Kriterien beziehen sich auf die Anordnung der Zeichen und auf die Beziehung der Zeichen zu Gegenständen. Im ersten Fall geht es um Syntax, im zweiten um Semantik, genauer um eine extensionale Semantik. Beide Male gilt die Aufmerksamkeit zwei verschiedenen Bedingungen, uznd zwar der der Disjunktivität und jener der endlichen Differenziertheit. Syntaktische Disjunktivität verlangt, dass die Zeichen in ihren Vorkommen eindeutig unterscheidbar sein müssen (in einer Alphabetschrift muss klar sein, dass es um ein „a“ und nicht um ein „d“ geht; im Falle der Standard-Notation muss eindeutig sein, dass ein Zeichen den Toncharakter „c‘„ meint und nicht etwa „e“). Die Forderung innerhalb der Syntax nach endlicher Differenziertheit ist erfüllt, wenn es möglich ist, eine Inskription (ein Zeichenvorkommen) in einer endlichen Folge von Schritten einem bestimmten Charakter zuzuordnen.

Disjunktivität in der Semantik, in der Beziehung von Zeichen auf Gegenstände, meint dann, dass im Falle des Erklingens einer Partitur die gespielten Töne eindeutig den Noten in der Partitur zugeordnet werden können. Endliche Differenzierung im Rahmen der Semantik liegt vor, wenn der Gegenstand, auf den ein Zeichen verweist (der Ton a), in endlich vielen Schritten bestimmt werden kann. Das ist etwa dann der Fall, wenn einem Notenzeichen die Taste auf einem Klavier zugeordnet werden kann.

Alphabet

Es dürfte für die Zwecke dieses Buches gut sein, vor allem den Aspekt einer Alphabetschrift im Auge zu behalten. Damit dürften die Erfordernisse eines notationalen Symbolsystems am stärksten gegenwärtig bleiben. Gleichzeitg kann die Aufmerksamkeit auf zwei Faktoren gelenkt werden, die uns beschäftigen müssen. Oben ging es um „Abstraktion mit Hilfe der Grammatik“. Folgt man der weitergehenden Analyse des Textteils aus der Musica enchiriadis, die Klaus-Jürgen Sachs vorgelegt hat, stösst man auf die Verbindung des kleinsten Elements von Rede (oratio) in Form des Buchstabens (littera) mit einer weit zurückreichenden Begriffsgeschichte. Es fragt sich, was genau damit initiiert wurde. Denn der Linguist Christian Stetter hat es zu zeigen unternommen, dass das Erlernen einer Alphabetschrift weit mehr formt als nur eine bestimmte analytische Usanz beim Schreiben und/oder beim Erfassen von Geschriebenem.Anm. 5 Es scheint offensichtlich, dass Personen, die in einer Alphabetschrift geschult sind, andere kognitive Fertigkeiten entwickeln als solche, die eine Wortschrift erlernen.

Da wir nun mit dem Zeugnis der Musica enchiriadis den Hinweis auf eine sehr lange Tradition einer analytischen Haltung gegenüber Klangorganisationen haben, die in Analogie zu einer Alphabetschrift steht, fragt es sich, wie weit damit bestimmte Möglichkeiten der melodischen Gestaltung unterstützt werden. Diese Frage ist umso interessanter, als Stetter in seinem Buch System und Performanz (2005) mit dem Untertitel Symboltheoretische Grundlagen von Medientheorie und Sprachwissenschaft ausdrücklich auf Goodmans Überlegungen zu den notationalen Symbolsystemen rekurriert.

Es wird die Frage sein, wie weit Stetters Diskussion der symboltheoretischen Grundlagen der Sprachwissenschaft – so der Titel des 6. Kapitels seines Buches – von musikwissenschaftlicher, genauer: notationsgeschichtlicher Relevanz ist. Eine einschlägige Frage sei hier wenigstens angeschnitten. Saussure hat für die Sprachuntersuchung das Arbitraritätswie das Linearitätsprinzip geltend gemacht. Das meint, dass sprachliche Zeichen willkürlich sind: Lautbild und Bedeutung sind willkürlich (und nicht zum Beispiel abbildend) aufeinander bezogen. Das Linearitätsprinzip meint wiederum, dass die sprachlichen Zeichen nachoder nebeneinander angeordnet sind. Diese Prinzipien können unschwer auch im Falle der Erörterung von Klangorganisationen geltend gemacht werden. Wenn nun nicht in irgendeiner Abstraktion von „Musik“ gesprochen wird, sondern konkrete Klangorganisationen in notierter Fiorm gemeint sind, fragt es sich, wie „unter dem Aspekt der Mediengebundenheit der Artikulation die Organisation von Linearität zum Problem“ wird (2005:221).

Notation und Bild

Mit dem grammatikalisch vermittelten Bezug von „hoch“/“tief“ zu „oben“/“unten“ ist ein Aspekt angesprochen, der in der geläufigen Notationsgeschichten eine gewisse Anschaulichkeit des Notierten verbürgt. Was Goodman mit seinen Kriterien von notationalen Symbolsystemen zu erreichen versucht, ist die Formulierung einer Differenz zu nicht-notationalen Symbolsystemen, wozu die Bilder gehören. Aus dieser Optik werden die Forderungen nach Disjunktivität wie endlicher Differenzierbarkeit sehr sinnvoll. Geht es etwa um einen verlauf von rot nach weiss, dann sind im Verlauf die beiden Farben nicht disjunkt. Zwei Noten, die erste eine 32stel, die zweite ein 64stel, sind disjunkt, da es zwischen den beiden keinen weiteren Wert gibt. Aber im Falle von Brüchen wie 1/32 und 1/64 liegt keine Disjunktivität vor, da jederzeit Werte zwischen diesen beiden gefunden werden können. Goodman nennt dies „dicht“ im Gegensatz zu disjunkt.

Es wird zu fragen sein, wie weit der bildliche oder anschauliche Aspekt der Standard-Notation in der Geschichte der Notationen jeweils so eingebracht ist, dass von einem notationalen Symbolsystem gesprochen werden kann. Oder wie weit gerade dieser Faktor zur Differenz, zum Schibboleth zwischen bestimmten Notationsstadien wird.

Partitur

Wie wir gesehen haben, muss Goodman eine eindeutige Beziehung zwischen Performation und Partitur annehmen: dem Gespielten müssen die Zeichen der Partiur entsprechen. Das mag gegenüber jedem Musikbetrieb weltfremd wirken, hat aber seine gewaltigen Vorteile. Wer Abweichungen von der Partitur legitimieren will, sieht sich gezwungen, dasfür nicht irgendwelche Usanzen anzuführen, sondern darzulegen, welche Abweichung nach wie vor berechtigt zu sagen, es handle sich um die für die Performation relevante Partitur.

Damit verknüpft ist eine weitere Eigenheit. Goodman zufolge steht eine Partitur zu allfälligen Kopien in einem allographischen Verhältnis, während sich ein Bild zur Kopie autographisch verhält. Der Unterschied besagt, dass auch die exakteste Kopie eines Bildes nicht als echt gelten kann, während es grundsätzlich nicht möglich ist, eine Partitur zu fälschen. Wiederum seien die Einzelheiten der Überlegung vorläufig beiseite gelassen. Wichtig ist nur der Hinweis, dass eine an Goodman orientierte Beschäftigung mit Notenschriften auf das Verhältnis zwischen Performation und Niederschrift sowie von Kopie und Original eingehen muss. Anders gesagt: es muss gefragt werden, wofür das Notierte jeweils steht.

Anm. 1: Goodman (1998:13). – Die Sternchenfussnote lautet: „Zum Beispiel in Ernst Cassirer, Sprache und Mythos, Hamburg 1925 (Studien der Bibliothek Warburg 6); wieder abgedruckt in: Ernst Cassirer, Wesen und Wirkung des Symbolbegriffs, Oxford 1956 und Darmstadt 1956, S. 71-158.“

Anm. 2: Es geht um die Prolegomena to an Apology for Pragmaticism von 1906 – Collected Papers of Charles Sanders Peirce IV, hg. v. C. Hartshorne, P. Weiss, Cambridge (Mass.) 1933, 423 (537).

Anm. 3: Oliver R. Scholz (2004:111).

Anm. 4: Gut lesbare Zusammenfassungen bieten O. Scholz (2004:102-136) (der präziser ist) und Anna Maria Krewani (2003:43-47) (deren im Internet zugängliches Buch sich besser liest). Spezifisch für musik-philosophische und musikwissenschaftliche Fragen geschrieben ist das Buch von Simone Mahrenholz: Musik und Erkenntnis : eine Studie im Ausgang von Nelson Goodmans Symboltheorie, Stuttgart 1998.

Eine bündige Definition der Kriterien liefert Christian Stetter (2005, 77 n. 29): „Die Basis dieser Notationstheorie bilden (1) die syntaktischen und (2) die semantischen Eigenschaften eines Notationssystems.

(1) Die syntaktischen Erfordernisse der Disjunktheit der Charaktere bzw. Typen und die der effektiven Differenziertheit der Inskriptionen: Zwei Typen C und C’ sind syntaktisch disjunkt g.d.w. sie keine gemeinsame Inskription (Marke) aufweisen. Eine Inskription i ist syntaktisch effektiv differenziert g.d.w. sich entscheiden läßt, daß sie bezüglich zweier Typen C und C’ entweder ∉ C oder ∉ C’ ist.

(2) Die semantischen Erfordernisse der Eindeutigkeit (Nichtambiguität) jedes Typs und wiederum der semantischen Disjunktheit der Charaktere und der effektiven Differenziertheit der Inskriptionen: Zwei Charaktere sind semantisch disjunkt g.d.w. ihre Extensionen EC und EC’ kein gemeinsames Element aufweisen. Und eine Inskription i ist semantisch effektiv differenziert g.d.w. sich entscheiden läßt, daß ihre Extension bezüglich zweier Typen C und C’ entweder ∉ EC oder ∉ EC’ ist. Den in Languages of Art noch verwendeten Begriff der endlichen Differenziertheit (vgl. Goodman 1997, S. 132 ff. und 148 f.) hat Goodman später durch den der effektiven Differenziertheit ersetzt (vgl. Goodman und Elgin 1989, S. 166 ff.)"

Anm. 5: Stetter (1999), und dann vor allem Stetter (2005).

 

Materialien

Zu Languages of Art von Goodman gibt es mehrere Einführungen im Internet. Zum Beispiel:

Anna Maria Krewani: http://webdoc.sub.gwdg.de/ebook/dissts/Bochum/Krewani2003.pdf

Anonymus: http://art-mind.org/review/IMG/pdf/Phil441_MM_Handout_Goodman.pdf (3.1.2013)

Kärin Nickelsen:http://www.philoscience.unibe.ch/documents/VorlesungenHS09/Repraesentation09/sitzung6_notation_handout.pdf(6.1.2013)

John R. Lee: http://homepages.inf.ed.ac.uk/jlee/mac-john/VRI-Lee-final.html (10.1.2013)

Spezifisch für musik-philosophische und musikwissenschaftliche Fragen geschrieben ist das Buch von Simone Mahrenholz: Musik und Erkenntnis : eine Studie im Ausgang von Nelson Goodmans Symboltheorie, Stuttgart 1998.

 

Die hilfreichste Einführung, die ich gefunden habe, stammt von Oliver Scholz: Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildlicher Darstellung, Frankfurt a.M. 22004 (Klostermann Seminar 1).